Edvard Grieg - Klavierkonzert a-Moll, op. 16
Edvard Grieg
(1843-1907)
Edvard Grieg wird am 15. Juni 1843 im norwegischen Bergen als viertes von fünf Kindern geboren. Im Alter von 6 Jahren erhält er Klavierunterricht von seiner Mutter Gesine Grieg. Den entscheidenden Auslöser für ein Musikstudium soll 1858 Ole Bornemann Bull gegeben haben, der renommierte norwegische Geigenvirtuose, der in Edvard die zukünftige Bedeutung für die norwegische Kunstmusik erkennt und ein Studium in Leipzig, der damaligen Kulturmetropole Europas, empfiehlt. Höhepunkte von Edvard Griegs Leipziger Studienzeit ist sein erfolgreiches Debüt als Pianist.
Ab April 1863 setzt Edvard Grieg seine musikalischen Studien für weitere zweieinhalb Jahre in Kopenhagen fort. In dieser Zeit kommt der junge Musiker erstmals mit der nordischen Volksmusik in Berührung, die ihm den entscheidenden Impuls für seinen Weg als Komponist gibt. Auch privat verändert sich in dieser Zeit sein Leben: Edvard Grieg lernt seine Cousine Nina Hagerup kennen, die er vier Jahre später heiratet und die in den nächsten Jahren zur einfühlsamen Interpretin vieler seiner Lieder wird. Ab Oktober 1866 wird Oslo zur neuen Heimat Edvard Griegs, wo er als Pianist und Dirigent auftritt sowie Klavierstunden erteilt.
1868 gelingt Edvard Grieg mit seinem Klavierkonzert a-Moll op. 16 der künstlerische Durchbruch, der den Komponisten mit einem Schlag nicht nur als norwegischen Nationalkomponisten etabliert, sondern ihm auch internationale Anerkennung verschafft. Wichtige Impulse für den Klavierpart gingen von dem Klaviervirtuosen Edmund Neupert (1842-1888) aus, dem das Konzert gewidmet ist und der es auch bei der Uraufführung am 3. April 1869 im Königlichen Theater von Kopenhagen vorträgt. Nachden stetig wachsenden Erfolgen fällt Edvard Grieg 1876 nach eigener Aussage in eine tiefe Depression und zieht sich ab 1877 in die ländliche Einsamkeit zurück. Edvard Grieg stirbt am 4. September 1907 in einem Krankenhaus in Bergen.
Edvard Griegs Lebenszeit fällt in die musikalische Epoche der Romantik, die wesentlich von den Bewegungen der Amerikanischen und der Französischen Revolution geprägt wurde. Im Zuge dieses aufklärerischen Geistes entsteht eine neue Art von Nationalismus, der sich auch in der Musik niederschlägt. Auf dem Boden der allgemeinen musikalischen geschichtlichen Errungenschaften entstehen in Verbindung mit der nationalen Sprache der Volksmusik eigene Stile, die die musikalische Klangpalette bis in die Gegenwart hinein enorm bereichern. Edvard Griegs Lebenszeit wird geprägt von dem Kampf um politische Unabhängigkeit und kulturelle Eigenständigkeit. Politisch finden diese Kämpfe 1905 mit der Vereidigung König Haakons VII. ein Ende und begründen das eigenständige Königreich Norwegen. Wie Giuseppe Verdi und Béla Bartók sowie viele andere Komponisten seiner Zeit ist Edvard Griegs kompositorisches Schaffen nicht von seiner Zeit und Welt zu trennen. Und wie bei Bartók liegen auch bei Grieg die kompositorischen Wurzeln ganz bewusst in der Volksmusik seines Landes. Die norwegische Landschaft ist für Edvard Grieg nach eigenen Worten der „Resonanzboden“ für seine schöpferische Phantasie. In seinem kreativen Umgang mit dem Werkstoff Volksmusik wurde der norwegische Komponist für den Ungarn Béla Bartók (1881-1945) ebenso richtungweisend wie für den jungen australischen Pianisten und Komponisten Percy Aldridge Grainger (1882-1961).
Auch wenn einige seiner Orchesterwerke bis heute zu den repräsentativsten Werken gezählt werden und für die breite Öffentlichkeit am präsentesten sind, hat sich Edvard Grieg doch vor allem als Meister der kleinen Formen (Lieder, Lyrische Stücke für Klavier bzw. Charakterstücke) erwiesen.
Klavierkonzert a-Moll op. 16
Das Klavierkonzert a-Moll ist das einzige Konzert des norwegischen Komponisten. Es entstand in Søllerød, wo Grieg mit seiner Kusine Nina Hagerup frisch verheiratet einen Urlaub verbrachte Als Grieg in Rom Franz Liszt traf, machte dieser noch einige kompositorische Vorschläge für das Konzert. Grieg war ein Bewunderer Robert Schumanns und so ähnelt sein Klavierkonzert auch Schumanns Klavierkonzert a-Moll op. 54.Ferner ließ sich Grieg bei der Komposition vom norwegischen Springtanz Halling inspirieren, dessen Rhythmus sich im ersten und im dritten Satz des Konzerts findet.
Im ersten Satz Allegro molto Moderato spielt das Klavier in einer Schumanns Pendant ähnlich unvermittelten Einleitung nach einem Paukencrescendo einige herabstürzende Tonfolgen, bevor das Orchester mit einem marschähnlichen Thema in Holzbläsern und Horn einsetzt, das von Klarinette und Fagott beantwortet wird. Das Klavier greift die Antwort unter Begleitung der Streicher wieder auf und setzt es mit einer eigenen trippelnden Phrase fort. Diese wird von einer träumerischen Cellomelodie beantwortet und vom Klavier wiederholt und weiterentwickelt. Darin steigert sich das Klavier immer mehr, bis schließlich im Orchester eine energievolle Melodie ertönt, die in den Posaunen ihren Höhepunkt findet. Klavier und Bläser variieren nun ausführlich die Themen des Satzes. Nach der Erforschung der Themen spielen erst die Bläser, dann die Streicher eine aufsteigende Melodie, die vom Klavier mit den herabstürzenden Tonfolgen vom Anfang des Satzes beantwortet wird. Schließlich variiert das Klavier das Hauptthema in einer Solokadenz, bis der erste Satz gemeinsam von Orchester und Klavier beendet wird.
Der zweite Satz ist ein Adagio. Die Streicher stellen zu Beginn des zweiten Satzes ausführlich eine verträumte Melodie vor, in der sich schließlich auch die Bläser zu Wort melden. Das Klavier antwortet mit eigenen Ideen. Klavier und Orchester treten nun in einen Dialog, bis das Klavier schließlich das anfängliche Streicherthema dieses Satzes auf kräftigere Art und Weise wiederholt. Es folgt nun wieder ein ruhigerer Dialog zwischen Klavier und Orchester. Nach einigen vom Horn begleiteten Trillern beschließt das Klavier den Satz.
Der dritte Satz hat die Bezeichnung Allegro moderato molto e marcato. Nach einer kurzen behutsamen, aber bestimmten Einleitung durch die Holzbläser übernimmt das Klavier und stellt das rhythmische Hauptthema des Satzes vor. Nach einer kurzen Antwort des Orchesters entwickelt das Klavier sein Thema weiter, bis sich nach einem Dialog zwischen Klavier und Streichern das Orchester wieder zu Wort meldet und von den Posaunen unterstützt wird. Hier greift wieder das Klavier ein, um sein Thema zu variieren, ein Vorhaben, das vom Orchester zu Ende geführt wird. Die Soloflöte antwortet mit einer eigenen Melodie, die von immer mehr Instrumenten mitgetragen wird. Das Klavier wiederholt die Melodie der Flöte, um sie, von den Streichern begleitet, zu variieren. Als danach vorübergehende Ruhe einkehrt, greift das Klavier sein Hauptthema dieses Satzes wieder auf, um es im Dialog mit dem Orchester zu entwickeln. Nachdem ein Orchestertutti dem Klavier eine kurze Pause gönnt, überbieten sich Klavier und Orchester gegenseitig darin, das Konzert feierlich abzuschließen.
Christina Koch


